Aktuelles KGV vs. Historisches KGV

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Juan Gipití

December 27, 2025



Grundlagen und Zweck

Die Analyse von Aktuellem KGV vs. Historischem KGV ist eine relative Bewertungstechnik, die auf einem der mächtigsten und beständigsten Prinzipien der Finanzmärkte basiert: der Regression zur Mitte (Mean Reversion). Im Gegensatz zu absoluten Bewertungsmodellen (wie dem Discounted Cash Flow) versucht dieses Modell nicht zu berechnen, wie viel Geld das Unternehmen in Zukunft generieren wird, sondern zu bestimmen, ob der Markt diese Cashflows im Vergleich zu seiner eigenen Vergangenheit mit Optimismus oder Pessimismus bewertet.

Die zugrundeliegende Philosophie ist, dass die Bewertung eines reifen und stabilen Unternehmens im Laufe der Zeit um einen zentralen Durchschnitt schwankt. Anleger reagieren häufig über auf gute Nachrichten (Ausweitung des KGV-Multiplikators) und schlechte Nachrichten (Schrumpfung des Multiplikators).

Dieses Modell dient als Barometer für das Marktstimmung. Sein Zweck ist es, Gelegenheiten zu identifizieren, bei denen ein Qualitätsunternehmen zu einem ungerechtfertigten Abschlag gegenüber seiner "normalen" Bewertung notiert, oder vor gefährlicher Überbewertung zu warnen, wenn sich der Preis von der historischen Realität gelöst hat. Es ist ein beliebtes Werkzeug für Contrarian-Investoren und diejenigen, die nach "Qualität zu vernünftigem Preis" (QARP) suchen.

Komponenten und Berechnungsmechanik

Dieses Modell vergleicht den aktuellen Bewertungsmultiplikator mit dem Durchschnitt dieses Multiplikators über einen signifikanten Zeitraum (normalerweise 5 oder 10 Jahre).

Die Schlüsselformeln

Um dieses Modell anzuwenden, müssen wir zuerst die beiden Basisvariablen und dann das Abweichungsverhältnis festlegen.

1. Aktuelles KGV (TTM oder Forward):

$$KGV_{\text{Aktuell}} = \frac{\text{Aktienkurs}}{\text{Gewinn je Aktie (EPS)}}$$

2. Historischer KGV-Durchschnitt:

$$KGV_{\text{Historisch}} = \frac{\sum_{i=1}^{n} KGV_{i}}{n}$$

(Wobei n normalerweise 5, 7 oder 10 Jahre beträgt, um einen vollständigen Wirtschaftszyklus zu erfassen)

3. Relatives Bewertungsverhältnis:

$$\text{Relatives Verhältnis} = \frac{KGV_{\text{Aktuell}}}{KGV_{\text{Historisch}}}$$

Die Logik der Interpretation

  • Verhältnis < 1.0: Die Aktie notiert mit Abschlag gegenüber ihrer Geschichte. (Mögliche Unterbewertung).

  • Verhältnis = 1.0: Die Aktie notiert zu ihrem historischen "fairen Wert".

  • Verhältnis > 1.0: Die Aktie notiert mit Aufschlag gegenüber ihrer Geschichte. (Mögliche Überbewertung).

Das Ziel ist, zu kaufen, wenn die Standardabweichung nach unten signifikant ist (z.B. das aktuelle KGV 20% unter dem Durchschnitt liegt) und zu verkaufen oder zu halten, wenn es zum Durchschnitt zurückkehrt.

Praktische Anwendung und Anwendungsfälle

Der Prozess beinhaltet die Normalisierung der Daten, um Verzerrungen durch außergewöhnliche Ereignisse zu vermeiden, und dann die Suche nach der Divergenz.

Anwendungsfall: Der Konsumgüter-Riese "Stabil AG"

Stellen wir uns ein führendes Lebensmittelunternehmen, Stabil AG, vor, bekannt für seine vorhersehbaren Einnahmen.

Daten:

  • Aktueller Marktpreis: 80 €

  • EPS (letzte 12 Monate): 4,00 €

  • Durchschnittliches KGV der letzten 5 Jahre: 25x

1. Berechnung des aktuellen KGV:

$$KGV_{\text{Aktuell}} = \frac{80}{4.00} = 20x$$

2. Vergleich und Abweichung: Der Markt hat historisch 25-mal den Gewinn für dieses Unternehmen aufgrund seiner Sicherheit gezahlt. Heute zahlt er nur 20-mal.

$$\text{Abschlag} = 1 - \left( \frac{20}{25} \right) = 1 - 0.80 = 20\%$$

3. Schätzung des Zielpreises (Regressionswert): Wenn wir annehmen, dass das Unternehmen seine historische Bewertung wiedererlangt (Regression zur Mitte):

$$\text{Zielpreis} = \text{Aktuelles EPS} \times KGV_{\text{Historisch}}$$
$$\text{Zielpreis} = 4.00 \times 25 = 100 \text{ €}$$

Entscheidung: Die Aktie bietet einen Abschlag von 20% (implizite Sicherheitsmarge) gegenüber ihrer eigenen historischen Bewertung. Wenn sich die Geschäftsgrundlagen nicht geändert haben, ist dies ein starkes Kaufsignal basierend auf der temporären Kontraktion des Multiplikators.

Methodenkritik und Einschränkungen

Obwohl es ein mächtiges Werkzeug für das Market Timing bei Qualitätsunternehmen ist, hat die historische Analyse gefährliche Fallstricke, wenn sie blind angewendet wird.

Die Value Trap (Wertfalle)

Das schwerwiegendste Risiko ist die Annahme, dass die Vergangenheit immer die Zukunft vorhersagt. Wenn das aktuelle KGV niedrig ist (z.B. 10x) im Vergleich zum historischen (z.B. 20x), könnte dies keine Gelegenheit, sondern ein Signal dafür sein, dass das Geschäft strukturell geschwächt wurde. Wenn die Wachstumsperspektiven dauerhaft gesunken sind, verdient das Unternehmen ein niedrigeres KGV. Hier zu kaufen wäre, in eine Wertfalle zu tappen.

Vergleich mit absoluter Bewertung (Graham/DCF)

Merkmal Historisches KGV (Relativ) Graham / DCF (Absolut)
Referenz Das vergangene Verhalten der eigenen Aktie. Buchhalterische Grundlagen oder zukünftige Cashflows.
Stärke Ausgezeichnet für hochwertige Unternehmen (Moat), die nach Graham nie "billig" sind. Besser zur Bestimmung des realen Liquidationswerts oder der Rentabilität.
Schwäche Versagt bei strukturellen Veränderungen im Geschäft. Kann in Hausse-Märkten zu konservativ sein.
Nützlichkeit Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte erkennen. Solvenz und Sicherheit erkennen.

Das historische Modell geht davon aus, dass der Markt im historischen Durchschnitt recht hatte, was nicht immer zutrifft.

Häufig gestellte Fragen und Anpassungen für den Anleger

Welchen Zeitraum sollte ich für den Durchschnitt verwenden? Ein Minimum von 5 Jahren wird empfohlen, aber idealerweise 10 Jahre. Ein kürzerer Zeitraum könnte durch eine jüngere Blase oder eine vorübergehende Krise verzerrt sein. 10 Jahre helfen, Wirtschaftszyklen zu glätten.

Wie gehe ich mit Jahren mit negativen oder extrem hohen KGVs um? Wenn das Unternehmen ein Verlustjahr (negatives KGV) oder einen Gewinn nahe Null (KGV von 500x) hatte, verzerren diese Daten den Durchschnitt.

  • Anpassung: Entfernen Sie Ausreißer (Outliers) oder verwenden Sie den Median des KGV anstelle des arithmetischen Mittels. Der Median ist viel widerstandsfähiger gegenüber Extremwerten.

Funktioniert dieses Modell für Technologieunternehmen mit hohem Wachstum? Es ist schwierig. Wachstumsunternehmen (Growth) sehen oft eine natürliche Kompression ihres KGV, wenn sie reifen. Amazon notierte vor Jahren mit einem KGV von 100; zu erwarten, dass es zu diesem Durchschnitt zurückkehrt, wäre ein Fehler. Für diese Unternehmen ist das PEG-Verhältnis (Price/Earnings to Growth) besser geeignet.

Das endgültige Urteil: Wann sollte man es verwenden?

Die Analyse von aktuellem KGV vs. historischem KGV sagt Ihnen nicht, ob ein Unternehmen solvent ist, sondern ob es nach seinen eigenen Standards "im Angebot" ist.

Sie sollten dieses Modell verwenden, wenn:

  • Sie "Blue Chip"-Unternehmen oder Branchenführer mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen bewerten (z.B. Coca-Cola, J&J, McDonald's).

  • Das Unternehmen einen Preisrückgang aufgrund vorübergehender Nachrichten erlitten hat, die sein Geschäftsmodell langfristig nicht beeinflussen.

  • Sie vermeiden möchten, auf dem Höhepunkt der Euphorie zu kaufen; der Vergleich mit dem historischen KGV-Maximum warnt vor dem Risiko einer Multiplikator-Kontraktion.

Es ist das perfekte Werkzeug, um die Frage zu beantworten: "Mir gefällt dieses Unternehmen, aber ist dies ein guter Zeitpunkt zum Kauf?". Während Graham und DCF Ihnen sagen, was Sie kaufen sollen, hilft Ihnen das historische KGV zu entscheiden, wann Sie es tun sollen.

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